ST. Margarethen Tagebuch einer Dorfkirche

Heimatverein und Kirchgemeinde Vippachedelhausen – Rückblicke, zusammengestellt von Heike Rüss

Seit Jahrhunderten grüße ich, eine alte Dorfkirche, die heimkehrenden Feddelhäuser.
Seit Jahrhunderten grüßen mich die Feddelhäuser zurück und freuen sich auf zu Hause.
Jahrhunderte wird es so weiter gehen! Aber ich brauche Eure Hilfe!

Foto: Ulrich Schwarz, Ortspfarrer 1956 – 1962

Ich bin St. Margarethen,
die große alte Dorfkirche von Vippachedelhausen.
Menschen von hier bauten und schmückten mich.
Dann kamen sie. Sie kamen, immer und immer wieder.
Muss eine endlose Zeit gewesen sein!
Sie kamen, wenn sie fröhlich und glücklich waren,
wenn sie feiern wollten.
Sie kamen zu Oster- und Weihnachtsfesten und Pfingsten,
wenn sie jemand ehren wollten, Herzogs, Grafens, Kaisers
oder so,
und zu meinen jährlichen Weihefesten,
„Kermse“ nennen sie das hier…..
Sie kamen und dankten für gute Ernten.
Sie kamen, um ihrem Ehebund festen Boden und Rahmen
zu geben.
Sie brachten mir ihre Neugeborenen zur Taufe und hofften,
die würden gesunde und gute Menschen.
Sie kamen, wenn sie Rat, Hilfe und Trost brauchten.
Sie kamen, wenn sie traurig waren, weil wieder einer der
Ihren sie verlassen musste.
Sie kamen so oft, ich weiß nicht mehr alles.
Und immer waren sie dankbar!
Sogar meine dicken Mauern versprachen ihnen Schutz in
manchen Kriegszeiten.
Nur an die ganz frühen Zeiten kann ich mich nur schwer
erinnern. Doch bei Carl Augusts 50. Jubiläumfeste (1825)
sagten alle:
“Unsere Dorfkirche ist so schön. Sie bedarf keiner Ausschmückung.“


Zeitzeugnisse: ausgewählte Texte (gerade gesetzt) aus den Chroniken von Vippachedelhausen, Wortlaut beibehalten,
Rechtschreibung u. Grammatik dem jetzigen Stand angepasst. Begleittexte kursiv eingefügt. Namen von PERSONEN-GROßBUCHSTABEN. Eigene Sprache (Schrift) der Dorfkirche. Abbildungen aus Familienbesitz.


Aber was ganz früher war? Ich bin schon alt. Es ist viel passiert in der Zeit.
Vieles war schön und gut, aber manches sehr, sehr schlecht und schlimm.
Mir ging ́s lange prächtig. Doch dann, in den letzten Jahrzehnten!
Ich verlor meinen Stolz, meinen schlanken Turm, über vierzig Meter hoch war der ́mal.
Ja, und irgendwann kamen auch weniger Menschen und bald fast keine mehr.
Beinahe hätte ich mich aufgegeben!
Ich bin eine alte Dorfkirche! Mein Tagebuch kann ich nicht selber schreiben.
Das müssen die Menschen tun, die immer zu mir gekommen sind,
vor allem die Schriftkundigen und so, die, die alles erlebten, sahen und hörten.
Die schreiben meine Geschichte auf!


Das war das Schlimmste!

Erzählungen aus dem Dorf:
Der 11. Mai 1975 war ein Sonntag und ungewöhnlich warm!
Abends zogen dunkle Wolken auf. In der Ferne begann es zu Grummeln. Die Vippachedelhäuser stiegen trotzdem nach einem
schönen Wochenende zeitig in die Betten.
Der nächste Tag war Montag! Und da begann es wieder, das Rennen einer harten Arbeitswoche.


Dann, gegen 23:00 Uhr, wurden die Schläfer von einem gewaltigen Donner geweckt! „Das hat eingeschlagen!“
Sie stürzten aus Betten und Häusern, sahen fassungslos den brennenden Kirchturm.
Mutter Lotte rennt ins Zimmer ihrer jüngeren Tochter, die trotz lautem Einschlag fest schlief.
„Christiane, Christiane, schnell, schnell! Steh auf! Der Kirchturm brennt!“
Viele kamen gelaufen, standen, schauten ungläubig und gebannt auf die gewaltige Fackel am nachtdunklen Himmel.
Keiner wollte wahrhaben, was er sah. Doch nicht der Kirchturm!


Feuerwehren heulten mit großer Technik heran und fingen mit Löschen an.
Dann, fast nach einer Ewigkeit, ein leichten Krachen, ein feines Zischen, Raunen der Menschen!
Mit einem dumpfen Aufprall stürzte der große Turmknopf mit der kecken Wetterfahne in die Umfriedung des Kriegerdenkmals.
Gespenstig schnell traten Männer in dunklen Ledermänteln wie Schatten aus dem Schatten, suchten im zerborstenen Knopf
nach der Kapsel, eingelegt 1955 von Pastor Walter Schulze und bestimmt für die Nachgeborenen.
Die Schatten verschwanden. Das Feuer geriet unter Kontrolle und erlosch.


Am Morgen schaute ich, eine Dorfkirche, traurig mit verkohlter Turmspitze
nieder auf Vippachedelhausen.


Erhard Graf 2014 zu dem Foto (oben rechts): Das Foto mit der halben Turmzwiebel wurde von
mir… (1977/78) aufgenommen… Als ich im Advent 1976 nach Vippachedelhausen kam, war
zunächst nur gen Süden ein größeres Loch in der Turmkuppel. Doch damit hatte der Wind
eine gute Angriffsfläche, und nach einigen Stürmen sah es dann so aus.


Der Anblick meines Turmstumpfs irritierte die Vippachedelhäuser.
Aber sie hofften auf Abhilfe.
Als Abhilfe kam, waren sie erschrocken.

Von fern kannten sie ihr Heimatdorf nicht. Blickten sie von der Arbeit auf,
waren sie befremdet. Viele sind es heute noch!
Erst ab 1980 wurde mein Turm saniert. Viele Jahre lang drang Wasser ins Gebälk
der wertvollen Zwiebelkonstruktion, aber auch durch das beschädigte Dach
des Kirchenschiffs. Das Holz war nicht zu retten.

Ortschronik 1980, Heidi Reifarth:

Auch der Kirchturm wird eingerüstet, damit dieser in
nächster Zeit instand gesetzt werden kann.
Es wurde festgelegt, das der Turm nicht wieder so
aufgebaut wird, wie es der Denkmalschutz wünscht,
da die Hölzer, die noch vorhanden sind, doch nicht
so gut sind, wie angenommen wurde.
(Fotos links ohne Kommentar.)


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